Locus Laocoon
Was mag die Menschen bewogen haben, die involviert waren in die Erarbeitung und Aufstellung dieser Figurengruppe? Ein bleibendes, kein flüchtiges Bild zu schaffen von einem Ereignis, in dem sich ein älterer und zwei jüngere Männer im Kampf mit zwei imposanten Schlangen befinden? Die Vertreter unserer Gattung erwecken dabei nicht gerade den Anschein, als baldige Sieger hervorzugehen. Eher tragisch mutet an, wie sie trotz Überzahl von der windungsreichen Gestalt der Tiere angegangen und eingenommen werden. Dieses Bild steht zuerst in Bronze, später in Marmor deutlich überlebensgroß vor Augen, um sich weit mehr als nur einer Generation mitzuteilen. 
Neben dem Bild gibt es die textlichen Vorlagen, die zuerst aus griechischer, später römischer Perspektive vom Schicksal eines trojanischen Priesters und seiner Söhne erzählen. Dort wird der Konflikt zwischen Mensch und Tier um eine dritte Partei erweitert – die Übernatürliche. In der schließlichen Übermacht der Natur kommt ein Götterwille zum Ausdruck und bringt den Menschen samt seiner Nachkommen zum Schweigen, nachdem dieser etwas Anderes, Gegenläufiges im Sinn hatte. 
Demnach könnte die Intention der Figurengruppe darin liegen, sich weiter an die göttliche Einflussnahme zu erinnern, wie sie zugunsten des eigenen sozialen Verbunds ausfiel, um ihr zu danken und sie auch für die Zukunft zu erbitten. Den Gegnern diente sie damit als abschreckendes Beispiel und womöglich auch der ein oder anderen Priesterambition in den eigenen Reihen. Für heute, rund zweitausend Jahre später, greifen diese Punkte aber zu kurz. Das Bildwerk hat die genaueren Absichten seiner Entstehung überlebt. 
In ihrem Fortleben hatten es die Figurengruppen wahrscheinlich schwerer als der Text. Die Bronze ging wohl für immer verloren, der Marmor lag zwischenzeitlich in Stücken. Vor rund 500 Jahren dann die Ausgrabung großer Teile der römischen Variante aus Stein, wie sie bis heute – weitgehend rekonstruiert –  in den Vatikanischen Museen aufbewahrt wird. Und vor rund 250 Jahren neuerliche Texte, die sich nunmehr vor allem dem bildlichen Geschehen annahmen. Von „edler Einfalt und stiller Größe“ ist dort die Rede (Johann Joachim Winkelmann) und von den Grenzen des bildlichen und textlichen Tuns (Gotthold Ephraim Lessing). In beiden genannten Einsätzen liegt ein großes Augenmerk auf der Auswahl des Moments, den die Skulptur zeigt. Was sich bei Winkelmann ankündigt, wird bei Lessing zum Zentrum der Betrachtung: Die Skulptur zeigt als räumliches Medium eine Situation, in der sämtliche Gegebenheiten mit einem Mal Sichtbarkeit erlangen. Der Text entfaltet als zeitliches Medium dagegen einen Verlauf, in dem nicht alle, sondern ausgewählte Momente in einer bestimmten Abfolge auftreten. Das Bild findet seine Grenze an Dingen des zeitlichen Verlaufs, der Text seine Grenze an Belangen der gleichzeitigen Vorhandenheit von Vielem auf einmal. 
Nun lassen sich diese Befunde als Stilvorlage nutzen, um die Großmedien Bild und Text fortlaufend weiter gegeneinander auszudifferenzieren. Diese Arbeit an den Details der Grenzziehung lässt sich vom Text ebenso wie vom Bild aus betreiben. Die Möglichkeit des Textes, auch negative Aussagen treffen und jede Grenzziehung folglich von zweierlei Seiten bearbeiten zu können, bringt einen gewissen Vorteil gegenüber den Mitteln des Bildes. Es lässt sich auf diese Weise scheinbar präziser operieren. Ob damit jedoch tatsächlich eingeholt ist, was in der positiven Fülle eines Bildes angelegt sein kann, ist noch nicht bewiesen. 
So kann das Vis-à-vis von Text und Bild auch dazu führen, dass sich beide in neuem Selbstbewusstsein jeweils eingehend mit sich selbst beschäftigen. In jeder Gattung finden sich für sich genommen Untergattungen, die womöglich gegeneinander abgegrenzt sein wollen. Eine Malerei ist keine Bildhauerei ist keine Zeichnung. Ein Bericht ist keine Erzählung ist kein Gedicht. Und so weiter und so fort bis zu den neuen Medien von morgen. Bisweilen sieht sich dieser Prozess jedoch nicht nur von der Freude an der wachsenden Vielfalt kultureller Ausdrucksformen vorangetrieben, sondern speist sich auch aus der Idee scheinbar sachgerechter Rangordnung. Wer kann etwas auf seine genuine Weise genauer, komplexer und relevanter zum Gegenstand werden lassen? Der Verfügungsphantasie der Grenzziehungen scheinen kaum Grenzen gesetzt zu sein. Für ihre Selbstermächtigung gilt wohl ähnliches. 
Vielleicht lässt sich aber auch mit selbem Recht fragen, welcher Text ohne bildliche Implikation und welches Bild ohne verbalsprachliche Zusammenhänge auskommt. Bei der Betrachtung jedes Bildes vergeht Zeit, in der sich Gedanken unter anderem auch verbal einstellen – ob ausgesprochen oder stumm vernommen. Und bei jeder Lektüre scheinen Bilder auf, die die Lücken zwischen den Worten für sich zu nutzen wissen. Der Einsatz Lessings mag seine Triftigkeit behalten, Bildern vom Erzählen und Texten vom Versuch abzuraten, ihren Gegenstand vollständig zu beschreiben. Damit ist aber nicht gesagt, dass sich beide nach allen Möglichkeiten von den Stärken des anderen freihalten sollten. Vielleicht entfalten sie ihre Stärken stattdessen erst dann, wenn sie in den Unwägbarkeiten ihres Miteinanders zum Zuge kommen.
Zum Beispiel kann der erhebliche, materiell verbürgte Aufwand einer überlebensgroßen Skulpturengruppe die zeitlich beflissene, für gewohnt schnelle Abfolge der Worte und Gedanken verlangsamen und in besonderen Momenten still werden lassen. Was dann zu sehen ist, ist weder einfach noch unmittelbar zu sagen. Die Beschaffenheit der Dinge kommt aus dem, was einmal war und nicht mehr ist, was ist und nicht mehr sein wird sowie aus dem, was noch nicht ist, aber sein wird können. Die randlose Erstreckung solcher Augenblicke wird zum neuen Anspruch für das, was möglicherweise zu sagen bleibt. 
So vielleicht auch die Frage, was dieses überlebensgroße Bild für heute sichtbar macht, in dem sich ein generationsübergreifendes Ringen des menschlichen Willens mit Natur und Übernatur ereignet.
Thomas Schlereth
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